Gesundheitskommissar Andriukaitis: „Ugly food is brilliant food !“

Die Lebensmittelverschwendung in der EU mache ihm große Sorgen, sagte der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittel, Vytenis Andriukaitis, im Rahmen eines EU-Bürgerdialoges in Wien. In der EU würden jährlich 88 Mio. Tonnen Lebensmittel im Müll landen, ärgerte sich der Litauer. „Das muss man sich ein Mal vorstellen. Und jedes Land sagt, seine Lebensmittel wären die Besten!“

EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis und Dr. Jürgen Molner in Wien. (Foto: Molner Health Center)

Das sei auch deshalb ein Skandal, weil sich 55 Mio. Europäer nur jeden 2. Tag satt essen könnten. Und es liege auch daran, dass 10 % der Konsumenten Mindesthaltbarkeitsdatum (Qualität) und Ablaufdatum (Gesundheit) verwechseln. „Ugly food“ sei immer noch „brilliant food“, betonte der EU-Kommissar. Auf die Frage vom Molner Health Center, ob denn nicht das Ablaufdatum von den Konzernen bewusst kurz angesetzt würde, sagte Andriukaitis: „Wir schauen uns gerade an, welche Lebensmittel überhaupt so ein Datum brauchen!“

Die Lebensmittelsicherheit betreffend favorisiere der gebürtige Russe und langjährige Chirurg eine Bezeichnung „Made in EU“. Man dürfe nämlich keine Fragmentierung des Binnenmarktes zulassen, sondern müsse diesen fördern. „Alles Andere wäre ein Desaster“, versicherte Andriukaitis. „Es ist bereits an der Zeit, das zu diskutieren.“ Weiters sei Lebensmittelsicherheit nicht ident mit Lebensmittelgesundheit, aber dabei verlasse sich die EU auf die EFSA und ihre Entscheidungen.

Andriukaitis in Wien: “Sitzen ist wie das Rauchen …” (Foto: Molner Health Center)

Und was den Einsatz von Pestiziden angeht, so könne darüber jedes Land frei entscheiden. „Willkommen in der Realität!“ Der 66-jährige Andriukaitis sprang übrigens immer auf, wenn er am Wort war, und ging auch ein paar Schritte. Seine Begründung: „Sitzen ist wie das Rauchen.“ Wie wahr, wie wahr …

Gesundheitspolitik und Prävention: neues Internetportal der EU

Die EU-Kommission hat ein neues Internetportal zur Gesundheitsförderung und Krankheitsvorsorge gestartet, um die Umsetzung von Gesundheitspolitiken in der EU zu unterstützen. Das Webportal biete zuverlässige, unabhängige und aktuelle Informationen zu Themen der Gesundheitsförderung und Prävention von nicht übertragbaren Krankheiten wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs, heißt es dazu in einer Aussendung.

Der neue “Health Promotion and Disease Prevention Knowledge Gateway” der EU. (Foto: MHJ)

Vytenis Andriukaitis, EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, dazu: “Die Ernährungsgewohnheiten und der Lebensstil der Menschen haben einen wesentlichen Einfluss auf ihre Gesundheit und Lebensqualität. Deshalb fordere ich die Mitgliedstaaten und Interessengruppen nachdrücklich auf, sich stärker auf die Förderung einer guten Gesundheit zu konzentrieren. Doch manchmal kann das sowohl für Politiker als auch die Öffentlichkeit kompliziert werden, denn es gibt fast zu viele aussagekräftige Fakten über die Themen Ernährung, Bewegung usw..

Und weil wir dazu auch durch ein Meer von Fehlinformationen, Meinungen, Vorurteilen und Mythen navigieren müssen, freue ich mich Ihnen das neue Health Promotion and Prevention Gateway der EU als sozusagen One-Stop-Shop für unabhängige und verlässliche Informationen präsentieren zu können.” Tibor Navracsics, EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, sprach von einem Instrument, das mit und für Entscheidungsträger in der EU geschaffen wurde und Hunderte von Forschungspapiere sowie politische Beispiele mitberücksichtigt habe.

Förderung einer gesunden Lebensweise

“Die Informationen sind auf die Bedürfnisse der nationalen politischen Entscheidungsträger zugeschnitten und werden in ein benutzerfreundliches Format gebracht. Das wird dazu beitragen, Gesundheitsrichtlinien auf der Grundlage strenger und objektiver Bewertungskriterien formulieren zu können.” Die Einführung des “Gateway” folgt übrigens der Forderung nach einem gesunden Lebensstil, die am 22. Sept. 2017 in Estland erarbeitet wurde und in den nächsten 2 Jahren einen Fahrplan zur Förderung einer gesunden Lebensweise in Europa vorgebe.

EU-Länder brauchen effektivere und belastbarere Gesundheitssysteme

Die Lebenserwartung in den meisten EU-Ländern liegt inzwischen bei über 80 Jahren, wobei dieser Rekordwert nicht immer mit einem gesunden Älterwerden einhergeht. Das geht aus dem von EU-Kommission und OECD präsentierten Bericht „Gesundheit auf einen Blick: Europa 2016“ hervor. Rund 50 Mio. Europäer seien mehrfach chronisch krank und sogar über eine halbe Million würden alljährlich im erwerbsfähigen Alter an chronischen Krankheiten sterben. Daraus entstehen in der EU jährliche Kosten von 115 Mrd. €.

Informationszyklus von EU und OECD zum Gesundheitszustand in der EU (Infografik: EU Kommission)
Informationszyklus von EU und OECD zum Gesundheitszustand in der EU (Infografik: EU Kommission)

Als Konsequenz aus dem vorgelegten Bericht fordern Vytenis Andriukaitis, EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicher-heit, wie auch OECD-Generalsekretär Angel Gurria, dass die Gesund-heitssysteme der EU-Mitgliedsländer (1.) effektiver, (2.) einfacher zugänglich und (3.) belastbarer werden. So seien 16 % der Erwachsenen aktuell fettleibig (2000 noch 11 %) und ein Fünftel von ihnen raucht nach wie vor. „Viele Menschenleben könnten gerettet werden, indem einerseits mehr Ressourcen in Strategien zur Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention investiert würden“, so die beiden Poliker.

Weiters müssten 27 % der Patienten eine Notaufnahme aufsuchen, , weil nicht genügend Einrichtungen zur medizinischen Grundver-sorgung da sind. Zudem würden aber durchschnittlich 15 % der Gesundheitsausgaben von den Patienten direkt bezahlt, wobei für arme Menschen in Europa sich im Vergleich zu ihren wohlhabenderen Mitbürgern das Risiko, aus finanziellen Gründen nur schwer angemessene medizinische Versorgung zu erhalten verzehnfache. In der gesamten EU stieg der Anteil der über 65-Jährigen von unter 10 % (1960) auf fast 20 % (2015) und dürfte bis 2060 auf knapp 30 % anwachsen.

Informationszyklus zum Gesundheitszustand in der EU

Nicht allein deshalb seien E-Health-Angebote nötig, kürzere Spitals-aufenthalte sowie ein bedachterer Einsatz von Medikamenten. Mit dem Informationszyklus zum Bericht „Gesundheitszustand in der EU“ sollen die Mitgliedstaaten dabei unterstützt werden, ihre Kenntnisse zu verbessern und stärker faktenbasierte politische Entscheidungen zu treffen.