Garantieren EU-Patente der Pharmabranche überhöhte Preise ?

Das Europäische Patentamt hat einer Patentanfechtung von Organisationen aus 17 Ländern gegen ein Medikament von Gilead Sciences, das den Wirkstoff Sofosbuvir verwendet, nicht stattgegeben. Laut Ärzte der Welt, einem der Kläger, werde diese Ablehnung den Zugang Hunderttausender Patienten in Europa zu einer bezahlbaren Behandlung von Hepatitis C verhindern.

Demonstration in Genf gegen den Patentmissbrauch in der Medizin. (Foto: obs / Ärzte der Welt)

Zudem zeige dieser Fall, wie Pharmafirmen das Patentsystem missbrauchen bzw. es nur für die eigenen wirtschaftlichen Interessen nutzen würden. “Das Patentsystem in Europa funktioniert nicht. Das wird auch Konsequenzen für die vielen neuen Krebsmedikamente haben, die derzeit auf den Markt kommen. Ihr Preis ist sogar 10 Mal höher als der Preis von Sofosbuvir”, ärgert sich Olivier Maguet von Ärzte der Welt. Und mehr noch: “Dieses Patentsystem ermöglicht Monopole und erlaubt es Unternehmen, exorbitant hohe Preise für lebenswichtige Medikamente zu kassieren.”

So verlange Gilead in Europa immer noch bis zu 43.000 € für die 12-wöchige Behandlung mit Sofosbuvir. Die Behandlung von Hepatitis C mit Sofosbuvir hat eine Heilungsrate von über 90 %. Ältere Medikamente kommen auf nur rund 50 %. Aber wegen des enorm hohen Preises muss das Medikament bereits rationiert werden. “Dabei ist die gleiche Behandlung dort, wo der Wirkstoff nicht patentiert ist, bereits für unter 100 Dollar zu haben”, weiß Maguet. Mit der Anfechtung wollte man den Weg zur Herstellung und den Import weit billigerer Generika in der EU frei machen !

Erfolge in China, Indien und Russland ?

Patente auf Sofosbuvir wurden bereits in den Ländern Ägypten, China und der Ukraine zurückgewiesen. In Argentinien, Brasilien, Indien, Russland und Thailand stünden die Entscheidungen noch aus. “Weil der Zugang zu Medikamenten wie der Gesundheitsversorgung generell selbst für die einkommensstarken Länder Europas zu einer Herausforderung geworden sind, ist es an der Zeit, Patente anzufechten, die den Pharmakonzernen überhöhte Preise garantieren”, meinen Ärzte der Welt, Ärzte ohne Grenzen und Just Treatment.

Sativex und Canemes: Bilanz über 1 Jahr Medizinalhanf in Deutschland

Seit dem 10. März 2017 können Ärzte in Deutschland schwerkranken Patienten Cannabisblüten „als Rezepturarzneimittel“ verordnen. Dem haben die Apotheken zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen bislang auch rund 44.000 Mal entsprochen. Dazu wurden 13.593 Anträge auf Kostenübernahme gestellt und auch 61 % davon – mit 10 € Zuzahlung – bewilligt.

Infografik: obs / Leafly Deutschland / Leafly.de

„Deutschland importiert aktuell 700 kg Cannabisblüten aus den Niederlanden. Weitere Blüten kommen aus Kanada. Doch die gelieferten Mengen reichen bei weitem nicht aus den Bedarf zu decken“, weiß Sandrina Kömm-Benson, Chefredakteurin von Leafly.de. Auch die für 2019 geplante Ernte in Deutschland, die durch die Cannabisagentur ausgeschrieben wurde, sei (rechtlich) in weitere Ferne gerückt. „Rund 1,5 Tonnen wurden ausgeschrieben, gebraucht wird aber das Dreifache. Da werden also schon wieder Engpässe programmiert.“

Laut einer Umfrage wurden 2017 am häufigsten (51 %) die Fertigarzneimittel Sativex (vor allem bei Multiple Sklerose) und Canemes (bei Krebs gegen Übelkeit und Erbrechen) verordnet. Am zweithäufigsten wurden Zubereitungen mit dem Wirkstoff Dronabinol verschrieben, hingegen „unverarbeitete Cannabisblüten“ am wenigsten (knapp 1.000 Mal). Die Politik wiederum urteilt bzw. bilanziert zweigeteilt. Während die CDU von einem „sehr wichtigen Schritt in der Versorgung Schwerstkranker“ spricht, ärgert sich die Opposition über die hohen Ablehnungszahlen der Krankenkassen.