Medizinwitz des Tages 20. August 2019

Eine Preisdifferenzierung bei Medikamenten nach der Wirtschaftskraft bzw. Zahlungsfähigkeit eines Staates gewährleistet, dass kein Land wegen zu hoher Preise vom therapeutischen Fortschritt ausgeschlossen wird. Sie gilt von daher international als den Wohlstand fördernd. Aus volkswirtschaftlicher Sicht sind europaweit einheitliche Arzneimittelpreise wenig erstrebenswert.

Universität Duisburg-Essen am 20.08.2019

In Österreich wird der Finanzbedarf der Spitäler bis 2030 von derzeit 12,8 Mrd. € auf 24,6 Mrd. € ansteigen und sich damit verdoppeln. Pro Kopf heißt das, dass die Spitalskosten von 1.452 € auf 2.780 € anwachsen werden.

Philips Austria GmbH am 20.08.2019

Das sog. AMNOG-Paradoxon in Deutschland beschreibt folgenden Teufelskreis: Je erfolgreicher der Versuch ist, die Kosten von Arzneimittel-Innovationen durch Preisregulierung zu dämpfen, desto höher werden die Preise der nachfolgenden Produktgeneration sein, die daraufhin gesundheitspolitisch mit einer noch strengeren Regulierung beantwortet werden und somit paradoxerweise den nächsten Preisschub auslösen. Das Problem dabei ist, dass das nicht ohne reale Konsequenzen bleibt. Denn die auf Kostendämpfung zielenden Preisregulierungen können entsprechende Kürzungen bei den Forschungsetats nach sich ziehen und so eine nachlassende Innovationsdynamik provozieren. Das wiederum würde bedeuten, dass arzneimittel-therapeutische Fortschritte ausbleiben oder sich verzögern.

Universität Duisburg-Essen am 20.08.2019

Dass einige wenige Arzneimittel in Österreich nicht ausreichend zur Verfügung stehen, liegt häufig an den sog. Parallelexporten. Es ist leider gängige Praxis, für den österreichischen Markt bestimmte und hierzulande günstigere Medikamente in höher preisliche Märkte wie Deutschland zu exportieren. Diese Art der Geschäftemacherei auf Kosten heimischer Patienten gehört dringend abgestellt. Die Hersteller produzieren ausreichend Arzneimittel für den heimischen Markt. Engpässe dürfte es eigentlich gar nicht geben.

Fachverband der Chemischen Industrie am 20.08.2019

ANMERKUNG: Für einen Medizinwitz des Tages müssen die genannten Fakten nicht unbedingt falsch sein. Es reicht schon, wenn aus Sicht der Frohmedizin die Richtung oder Konsequenz “absurd” ist …

Vitamin A

Steht bei mir, in der Auswertung Ihrer Blutanalyse, auf der gleichen Stufe wie Vitamin E. Vitamin A macht Sie schlank. Rettet Brustkrebspatientinnen das Leben und ist selbst Hautärzten wohlbekannt (News vom 23.02.2017). Also bitte, Schluss mit so abfälligen Bemerkungen wie „Vitamine dienen der Geschäftemacherei“ oder „Vitamine produzieren teuren Urin“. Zum Glück macht mit Betablockern, Anti-Diabetika oder Chemotherapien niemand Geschäfte …

Schreibt mir vergnügt ein Mann: “Seit nunmehr 4 oder 5 Jahren nehme ich NEM. Ich trieb auch viel Sport, hatte aber trotzdem immer zu viel an Bauch und Hüften. Nun, seitdem ich auch Vitamin A zu mir nehme, purzeln die Pfunde extrem und mir passen sogar wieder alte Hosen. Es ist unglaublich !!”

Stimmt. Das schafft ein einziges Vitamin! Die Erklärung, habe ich nachgelesen:

  • Vitamin A macht im Körper Retinsäure und die wiederum aktiviert PPARdelta.
  • Und PPARdelta wiederum verdoppelt die Menge an einem 2. Transkriptionsfaktor, nämlich PGC1-alpha.

Erinnern Sie sich noch an die News vom 04.02.2013? Dort stand, dass auf diese Weise mehr Mitochondrien produziert und die Fettverbrennung deutlich verbessert wurde. Das liest sich in einer Besprechung der Arbeit (Plos Biol2 (10): e294, 2004) wie folgt:

Wissenschaftler aktivieren künstlich einen Schalter Namens PPARdelta im Muskel, daraufhin entstehen diverse an Stoffwechsel beteiligte Enzyme und die Mitochondrien vermehren sich (verdoppeln sich). Daraus resultiert, wie zu erwarten, eine gesteigerte Ausdauerleistungsfähigkeit. Als nette Begleiterscheinung sind die Tiere resistent gegen die Entstehung von Fettleibigkeit.

PS: Falls Sie das nun ausprobieren wollen und danach vielleicht enttäuscht sind: Hier steht „im Muskel“. Tja, leider …

Und zu Vitamin A gab es schon Anfang 2009 eine Studie, in der gezeigt wird, dass Vitamin A Brustkrebspatientinnen das Leben rettet. Nicht das Leben retten „kann“, sondern „rettet“! Weiß das Ihr Frauenarzt? Weiß das Ihr Onkologe?

Deren Fazit: Patientinnen mit wenig Vitamin A (unter 2,08 µmol/L) sind verglichen mit Frauen, die ein höheres Vitamin A im Blut aufwiesen, um

  • 211 % (oder 2,11 Mal) häufiger gestorben.
  • 358 % (oder 3,58 Mal) häufiger gestorben, wenn sie über 55 Jahre alt waren.

Wohl verstanden: Nicht um 20 % mehr oder um 70 % mehr, sondern um 200 und 300 % mehr. Wenn man der Arbeit glaubt, hätte man sich deren Ableben sparen können.

So viel zu den scheinbar „unnötigen“ Vitaminen. Vitamin A. Nicht vergessen !

QUELLE: Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2009;18 (1):42

NDR Fernsehen: Apotheken verkaufen auch überflüssige Medikamente

Für deutsche Apotheken ist laut Apothekenbetriebsordnung von 2012 eine ausführliche Kundenberatung sogar Pflicht. Werden die Temperaturen kälter, so fürchten sich viele Menschen vor einer Erkältung und wünschen sich dann starke Abwehrkräfte. Wer dann allerdings in eine Apotheke geht, wird oft schlecht beraten und erhält sogar überflüssige Medikamente. Das ergab eine Stichprobe des Wirtschafts- und Verbrauchermagazins “Markt” im NDR Fernsehen. Das “erschreckende” Ergebnis: Fast alle getesteten Apotheken machten ein gutes Geschäft und zwar ohne Rücksicht auf den Patienten. Mediziner und Pharmakologen seien darum “entsetzt”.

Erkältungen im 4. Quartal 2015 in Deutschland. (Infografik: obs / Wissenschaftliches Institut der AOK / AOK-Mediendienst)

“Markt” testete mit der immer gleichen Frage die Beratung in 10 Apotheken: “Ich bin gesund, möchte mich aber in der Erkältungszeit vor einer Ansteckung schützen.” Das Ergebnis: 9 Apotheken verkauften Präparate zum Schutz vor einer Erkältung und zur Stärkung des Immunsystems. Hingegen rät Martin Scherer von der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf von solchen Mitteln zur Prophylaxe ab: “Bei einer Erkältung hat man es mit einer Vielzahl von Viren zu tun. Dabei das Immunsystem unspezifisch stimulieren zu wollen, ist nicht sinnvoll.” Bei den Testkäufen wurden pro Apotheke zwischen 6,75 und knapp 50 € fällig.

Geld, das man sich sparen könnte. “Oft hat ein Verkauf solcher Produkte mit dem Immunsystem wenig zu tun und ist meistens nur Geschäftemacherei”, kritisiert der Pharmakologe Gerd Glaeske das Vorgehen der Apotheken. In 7 von 10 Apotheken wurden auch Nahrungsergänzungen für Kinder verkauft. Nur eine Apotheke hat in der “Markt”-Stichprobe gar nichts verkaufen wollen, sondern die normalen Regeln einer gesunden Lebensweise empfohlen. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA) meinte zu der “Markt”-Analyse, dass bei rund 20.000 Apotheken mit 150.000 Mitarbeitern und etwa 3,6 Mio. Patientenkontakten täglich natürlich nicht alle Beratungsfälle “zur vollsten Zufriedenheit” verlaufen könnten.