Deutschland spielt eine Nebenrolle

„Die medizinische Wissenschaft weiß, nur möglicherweise Ihr Krankenhaus oder Ihr Facharzt nicht“, lautet einer meiner Standardsätze. Zugleich eine sachliche Feststellung und durchaus positiv gemeint. Das heißt nämlich: Es kann Ihnen geholfen werden. (News vom 11.05.2018) Egal, ob Sie ein körperliches oder seelisches „Gebrechen“ haben: Die medizinische Wissenschaft – auch die angewandte Psychologie (Therapie in Trance) – ist enorm weit entwickelt und außerordentlich fähig.

Und dieses (mein) Mantra „Die medizinische Wissenschaft weiß …“ ist nicht einfach so dahingesagt. Die weltweit durchgeführten weit über 500.000 vergleichenden Studien bilden einen gewaltigen Wissenspool. Jedes Jahr kommen deutlich mehr als 13.000 neue Studien hinzu. Und jede einzelne dieser Studien könnte genau die Antwort auf Ihre spezielle Frage sein.

Nur sehen Sie wahrscheinlich auch das Problem dabei: Wer kann das alles lesen ? Wer vermittelt Ihnen das ? Wer kümmert sich überhaupt darum ? Hören wir dazu doch einen Experten ersten Ranges, einen der Wegbereiter der evidenzbasierten Medizin in Deutschland:

Deutschland spielt auf diesem Marsch in die globale Wissens- und Informationsgesellschaft der Medizin nur eine Nebenrolle oder taucht an vielen Stellen überhaupt nicht auf. Es scheint fast überflüssig zu betonen, dass der rasant wachsende globale Wissenspool ohne Ausnahme in englischer Sprache entsteht und vor allem von Großbritannien und Nordamerika vorangetrieben wird. Wenn schon Deutschland bei der Erzeugung dieses Wissens keine große Rolle spielt, so sollten deutsche Ärzte, deutsche Professoren, deutsche Universitäten diesen globalen Wissenspool doch zumindest besonders intensiv nutzen.

Und weiter:

Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Der entscheidende Grund liegt in der Sprachbarriere zwischen der Welt des medizinischen Wissens und der deutschen Versorgungswirklichkeit. Glaubt man entsprechenden Studien, so können oder wollen 80 % der deutschen Ärzte in ihrer beruflichen Routine nichts in englischer Sprache lesen … Das führt dann dazu, dass selbst manche Universitätskliniken wie auch der größte Teil der Ärzteschaft hierzulande von den relevanten Wissensquellen abgeschnitten bleibt.

Das sind alles Zitate von Prof. Dr. Gerd Antes, von 1997 bis Oktober 2018 Direktor des deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg und seit 2005 Sprecher der Initiativgruppe für den Aufbau eines nationalen Registers für klinische Studien.

Laut Prof. Antes (in der Apotheken Umschau 5/2009) gibt es keinen Mechanismus, der dafür sorgt, dass die wichtigsten neuen Erkenntnisse „systematisch und in übersichtlicher Form“ bei den Ärzten ankommen. Dabei müssten die Ärzte eigentlich fordern, dass ihnen für Behandlungen relevantes Wissen sozusagen in die Ordination geliefert wird. Doch diese Forderung würden die gar nicht stellen, weil ihnen die Tragweite des Problems noch nicht bewusst ist. Das war – wie gesagt – 2009 !!!

Noch Fragen ?

PS: Prof. Antes rät übrigens jedem Patienten, sich so gut es geht selbst zu informieren und auch mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Buchpräsentation “100 Ernährungsmythen” des VKI

In Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsnetzwerk Cochrane Austria präsentierte Österreichs Verein für Konsumenteninformation (VKI) den “100 Medizin-Mythen”-Nachfolger “100 Ernährungsmythen”, der laut VKI-Geschäftsführer Rainer Spenger ebenfalls zum Bestseller werden sollte. “Das Bedürfnis nach Informationen über Ernährung ist extrem groß, weil auch so viele Halbwahrheiten kursieren”, untermauerte Gerald Gartlehner, Vorsitzender von Cochrane Austria. Das Buch soll übrigens “einen objektiven Gegenpol” auch zur Nahrungsergänzungsmittelindustrie darstellen.

Rainer Sprenger, Johanna Mikl-Leitner und Gerald Gartlehner bei der Buchpräsentation
Rainer Sprenger, Johanna Mikl-Leitner und Gerald Gartlehner bei der Buchpräsentation “100 Ernährungsmythen”. (Foto: MHJ)

Genau diese Nahrungsergänzungsmittel standen dann auch im Mittelpunkt der Diskussion. “Die Krankheiten heilende oder gar lebensverlängernde Wirkung von Vitaminen und Mineralstoffen ist ein Unsinn und durch nichts bewiesen”, betonte der Professor der Universität Krems. Jedoch sei der Nachweis des Gegenteils auch noch nicht geglückt. Ernährungsmythen würden sich u.a. deshalb so lange halten, weil sie (1.) gut klingen und (2.) manche davon “industriegesteuert” seien.

Für das Buch “100 Ernährungsmythen” hatte Cochrane Austria zu jedem Thema die internationale Studienlage analysiert und danach inhaltlich ausgewertet. Laut den Herausgebern bietet das Werk auch eine Chance zur Qualitätssteigerung der Gesundheitskompetenz in Österreich. Diese sei für immerhin 60 % “problematisch”, im EU-Vergleich die Drittschlechtetste und somit eigentlich “das Privileg einer Minderheit”. Aus Sicht der Frohmedizin wurden allerdings dennoch etliche Mythen nicht ganz ausgeräumt …