Heilung schadet der Wirtschaft

Die Goldman Sachs Group mit Sitz in New York ist die größte Bank der Welt. Gibt’s übrigens seit 1869. Steht für weltweites Investmentbanking und hat darum natürlich auch sehr kluge Analysten. Die haben Einsicht in Zusammenhänge, von denen wir (Provinz-)Ärzte … Darunter z. B. Frau Salveen Richter, ihres Zeichens Vizepräsidentin der Research Division. Betreut den aufstrebenden Sektor Biotechnologie im Bereich „Global Investment“. Und jetzt kommt’s:

Die verehrte Dame warnt die Pharmaindustrie vor „zu guten Präparaten“. Warnt auch vor Therapien, die wirklich helfen.

Denn, so ihr Argument:

Heilende Therapien sind wirtschaftlicher Selbstmord !

Meint man bei Goldman Sachs. Und sie beweist das recht eindrücklich am Beispiel des US-Konzerns Gilead Sciences, Inc. Die Kalifornier, wenn man so will, erzielten 2017 einen weltweiten Umsatz von über 26 Mrd. Dollar (Bilanzgewinn 4,6 Mrd.). 2016 wurde der Firma dann auch in Europa eine Gentherapie genehmigt, die Hepatitis C heilen sollte. In der deutschen Presseaussendung dazu heißt es:

Epclusa(TM) ist das erste und bislang einzige pangenotypisch wirksame, einmal täglich einzunehmende Single-Tablet-Regime in der Behandlung der chronischen Hepatitis-C-Infektion. Damit gibt es zusammen mit Sovaldi(TM) und Harvoni(TM) nun 3 Sofosbuvir-basierte Therapien aus dem Hause Gilead.
Die EU-Kommission hat Epclusa (Sofosbuvir 400 mg / Velpatasvir 100 mg) zur Therapie Erwachsener mit einer chronischen Hepatitis-C-Virus-Infektion der Genotypen 1 bis 6 zugelassen. Erstmals können nun Infektionen mit sämtlichen HCV-Genotypen mit einem Single-Tablet-Regime behandelt werden.

Und diese Therapie erreicht tatsächlich Heilungsraten von 90 %. Gilt in der Medizin als großartiger Erfolg. In diesem Fall ein Faktum. Folgerichtig lukrierte Gilead 2015 dank dieser Gentherapie allein in den USA 12,5 Mrd. Dollar. Machte damit also fast die Hälfte des jährlichen Umsatzes !

Doch seither sinken Umsatz und Gewinn von Jahr zu Jahr …

In der Analyse von Goldman Sachs heißt es, dass diese erfolgreiche (!) Behandlung von Hepatitis C den „Pool“ an Patienten erschöpft habe. Zum einen wurden die Patienten geheilt (echt unerhört so was !) und zum anderen wurde zugleich die Anzahl der Virusträger verringert, so dass der „Pool“ automatisch noch weiter abnimmt.

Die Folge: Auf lange Sicht dürfte der Biotechnologie-Riese pleitegehen. Weil sein Hauptprodukt zu erfolgreich ist. Weil der Konzern letztlich jeden Krankheitsträger von Hepatitis C heilt. Ei der Daus !

Zitat „Goldman Sachs“:

Das alles ist zwar gut für die Patienten, gut für die Gesellschaft, aber ein Problem, nämlich der Bankrott (dort höflich „challenge“ genannt) der Pharmafirmen, die schließlich auf anhaltenden Cash Flow (sustained cash flow) angewiesen sind.

Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma ? Was würden Sie vorschlagen ? Einfach wie gewohnt schlecht wirkende Medikamente herstellen ? Oder wenn man schon so hoch wirksame Gentherapien entwickelt, dies nur für Krankheiten zu tun, wo der Pool (der Vorrat) an Patienten immer gleich bleibt oder sogar wächst. Als Beispiel wird dort Krebs genannt. Oder Hämophilie (Wachstumsrate jährlich 7%).

Ist das geschilderte Szenario nicht beeindruckend ? Auf die Idee, dass es zu gute Therapien (Medikamente) geben könnte, auf die Idee muss man als Arzt einmal kommen. Und dass man dadurch seinen Patienten-Pool verkleinert oder gar erschöpft …

Andererseits, solange es noch an fast jeder Straßenecke eine Bäckerei gibt, solange werden wir Ärzte noch genügend zu tun bekommen. Und dann gibt’s schließlich auch noch den „Erkältungsmarkt“. Der ist bekanntlich ebenfalls ein gigantisches Geschäft … Oder, wenn wirklich alle Stricke reißen, dann könnte auch gelten, was das “Länger besser leben.”-Institut an der Universität Bremen so zu sagen pflegt:

Auch Gesundes kann gefährlich sein !

Zum Nachdenken: Bitte bleiben Sie krank ! (News v. 19.10.2018)

Weichgespülte Austrian Health Academy gegen Verhärtung von Partikularinteressen

Eine völlig weichgespülte Austrian Health Academy (aha) hat sich in Wien erstmals den Medien des Landes präsentiert. Stand in der Einladung an die Journalisten noch „Wie Patientinnen und Patienten in Österreich für dumm verkauft werden“, so war davon in der Pressekonferenz keine Rede mehr. Nur dass das österreichische Gesundheitssystem „in jeder Hinsicht verbesserungswürdig“ sei. Und eine ebenfalls angekündigte, prominente Vertreterin des kritisierten Systems war gar nicht erschienen …

Eröffnungspressekonferenz der Austrian Health Academy mit Gründer, Präsident und Vizepräsident …. (Foto: MHJ)

“Die Austrian Health Academy entstand aus einer Brainstorming-Runde“, erzählte deren Gründer Michael Kraus, und habe mittlerweile so prominente Mitglieder wie die Gesundheitsministerin oder die Präsidenten von Ärztekammer und Apothekerkammer. Das Ziel von aha ist, so der Präsident Claus Raidl, Lösungen anzubieten, bei denen der Patient im Mittelpunkt steht und die noch dazu kostenmäßig günstiger sind. Er selbst wolle sich vor allem um das Studium der Rechnungshofberichte kümmern.

Laut dem Vizepräsidenten Otto Lesch will man bei aha das Gesundheitssystem vom Bürger aus sehen. „Wir möchten aber auch Druck machen“, versichert Kraus und im Nachsatz: „Der Politik Mut einblasen.“ Wie das gelingen könnte? „Man wird wegen der Objektivität und Zahlensicherheit auf uns hören und weil wir viel an die Öffentlichkeit gehen werden.“ Ob denn die Gründung von aha nicht aus einem Bankrott des heimischen Gesundheitssystems resultiert, wollte dann Molner Health Center wissen. „Das kann man so nicht sagen“, entgegnete der Präsident.

Jahresbudget 2 Mio. €

„Aber wir wollen natürlich nicht, dass sich die bisherigen Partikularinteressen weiter verhärten.“ An denen sei nämlich im Gesundheitswesen Österreichs bislang das Meiste gescheitert … Und vielleicht noch eine Fußnote: Die Austrian Health Academy plant das 1. Jahr mit einem Budget von 2 Mio. €  … !